Die Geschichte hinter SOS Mama

Mein Name ist Nora, ich bin zweifache Mama von zwei Kindern im Grundschulalter, Gründerin von VeedelMoms und seit fast 20 Jahren pädagogische Fachkraft.

Viele Jahre davon habe ich in Leitungsposition gearbeitet, heute bin ich außerdem Erziehungsberaterin. SOS Mama ist mein Herzensprojekt – und gleichzeitig wahrscheinlich das persönlichste Projekt, das ich bisher ins Leben gerufen habe.

Denn die Geschichte von SOS Mama beginnt mit meiner eigenen Geschichte als Mutter.

Als ich 2017 zum ersten Mal Mutter wurde, bin ich ziemlich unbedarft und mit unglaublich großer Freude in diese neue Lebensphase gestartet. Natürlich wusste ich, dass eine Geburt und das Leben mit einem Baby anstrengend sein können. Aber ich wusste nicht im Ansatz, was psychisch nach einer Geburt passieren kann. Ich wusste nicht, dass es bestimmte Risikofaktoren für die Entstehung einer postpartalen Depression gibt. Ich wusste nicht, wie viele Frauen tatsächlich betroffen sind, welche Warnzeichen es gibt oder wie unterschiedlich sich eine solche Erkrankung zeigen kann. Und vor allem wusste ich nicht, was ich tun sollte, wenn es mich selbst trifft.

Heute weiß ich all das. Ich weiß, welche Faktoren das Risiko für eine postpartale Depression erhöhen können, wie häufig psychische Erkrankungen rund um Schwangerschaft und Geburt auftreten und wie wichtig es ist, Veränderungen frühzeitig wahrzunehmen. Ich weiß heute auch, dass Wissen allein eine Erkrankung nicht verhindern kann – aber dass Aufklärung entscheidend dabei helfen kann, Symptome früher einzuordnen und schneller Unterstützung zu finden.

Dieses Wissen hätte ich damals dringend gebraucht.

Ich hatte mir meine Mutterschaft anders vorgestellt – wahrscheinlich leichter, selbstverständlicher und, wie ich heute manchmal sage, ein bisschen rosaroter und „Disneylike“. Stattdessen geriet ich nach der Geburt in eine schwere postpartale Krise. Ich hatte Ängste und Gedanken, die ich überhaupt nicht einordnen konnte, und verstand nicht, was mit mir geschah. Vor allem hatte ich das Gefühl, damit vollkommen allein zu sein. Um mich herum sah ich Mütter, die scheinbar glücklich mit ihren Babys unterwegs waren, während sich meine eigene Gefühlswelt so vollkommen anders anfühlte.

Ich zweifelte nicht an meiner Gesundheit. Ich zweifelte an mir.

Einige Zeit später suchte mich diese Krise nach einer weiteren Geburt erneut heim. Auch dieses Mal wurde ich nicht als Betroffene erfasst. Heute weiß ich: Ich war eine der Frauen, die in keiner Statistik auftauchten. Ich war eine Dunkelziffer.

Ich habe mich damals Stück für Stück aus dieser Zeit herausgekämpft. Trotzdem ist sie bis heute ein prägender Teil meiner Lebensgeschichte und meines Weges als Mutter. Fast zehn Jahre nach meiner ersten Geburt habe ich viele Stunden, Tage, Monate und letztlich Jahre damit verbracht, meine Erfahrungen zu reflektieren und aufzuarbeiten. Gleichzeitig habe ich mich beruflich weiterentwickelt, fortgebildet und durch meine pädagogische Arbeit und VeedelMoms immer mehr Familien, Mütter und Fachpersonen kennengelernt.

Je mehr ich mich mit der Thematik beschäftigte, desto weniger konnte ich verstehen, warum wir Frauen auf die psychischen Veränderungen und möglichen Krisen nach einer Geburt noch immer so wenig vorbereiten und warum es für Betroffene und ihre Familien so schwer sein kann, schnell Orientierung und passende Unterstützung zu finden. Schätzungen zufolge entwickeln etwa 10 bis 15 Prozent der Frauen nach einer Geburt eine postpartale Depression – und die tatsächliche Zahl dürfte aufgrund nicht erkannter und nicht diagnostizierter Erkrankungen höher liegen.

Hinter jeder dieser Zahlen steht eine Frau. Eine Mutter. Eine Familie. Und manche dieser Frauen wissen genauso wenig wie ich damals, was gerade mit ihnen geschieht.

Über VeedelMoms haben mich in den vergangenen Jahren immer wieder persönliche Geschichten und Nachrichten von Müttern erreicht. Dadurch wurde mir zunehmend bewusst, dass das, was ich selbst erlebt hatte, keine außergewöhnliche Einzelgeschichte war. Viele Frauen beschreiben dieses Gefühl, nicht mehr sie selbst zu sein, gleichzeitig funktionieren zu müssen und nicht zu verstehen, warum Mutterschaft sich für sie so anders anfühlt als erwartet. Genau deshalb soll das Thema, das bisher schon einen Platz bei VeedelMoms hatte, mit SOS Mama einen eigenen Raum bekommen.

Auch der Name ist aus meiner persönlichen Erfahrung entstanden. Denn rückblickend gab es Momente, in denen sich mein Zustand genau danach angefühlt hat: nach einem SOS. Wenn man mitten in einer schweren Krise steckt, fehlt irgendwann die Kraft, selbst herauszufinden, welche Hilfe man braucht, Zuständigkeiten zu recherchieren oder überhaupt in Worte zu fassen, was gerade passiert. Manchmal bleibt vielleicht nur noch die Kraft für ein Signal: Mir geht es nicht gut. Ich brauche Hilfe.

SOS Mama soll deshalb ein Netzwerk werden, das aufklärt, orientiert, vernetzt und begleitet. Es soll Wissen über psychische Krisen rund um Schwangerschaft, Geburt und die Zeit danach sichtbarer machen, Familien und Angehörige sensibilisieren und dabei helfen, Betroffene möglichst früh mit bestehenden Fachstellen, Hilfsangeboten und Menschen zusammenzubringen, die sie professionell unterstützen können.

Dabei geht es mir ausdrücklich nicht darum, Frauen Angst vor der Zeit nach einer Geburt zu machen. Eine Depression entsteht nicht dadurch, dass wir über sie sprechen. Wissen kann aber dafür sorgen, dass eine Frau oder ihr Umfeld früher erkennt, dass etwas nicht stimmt. Vielleicht denkt eine Mutter dann nicht zuerst: „Warum bekomme ich das nicht hin?“, sondern: „Vielleicht brauche ich Unterstützung.“ Und vielleicht weiß ihr Partner, ihre Partnerin, eine Freundin oder ein Familienmitglied dann bereits, wo diese Unterstützung zu finden ist.

Für mich ist das auch eine gesellschaftliche Aufgabe. Wenn wir Familien stärken wollen, müssen wir die Menschen stärken, die gerade körperlich und psychisch eine enorme Veränderung durchleben. Psychische Erkrankungen nach einer Geburt können nicht nur die betroffene Frau, sondern das gesamte Familiensystem und auch die frühe Beziehung zwischen Eltern und Kind belasten. Umso wichtiger sind Aufklärung, frühes Erkennen und passende Unterstützung.

Meine eigene Geschichte kann ich heute nicht mehr verändern. Aber aus ihr kann etwas entstehen, das anderen Frauen vielleicht einen anderen Weg ermöglicht. SOS Mama ist deshalb aus meiner Reise in die Mutterschaft entstanden – aber es soll längst nicht nur meine Geschichte erzählen. Es soll ein Netzwerk für all die Mütter und Familien werden, die heute das brauchen, was mir damals gefehlt hat.

Und wenn eine Mama irgendwann nur noch die Kraft für ein SOS hat, dann sollte dieses SOS reichen, damit jemand hinsieht.